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Dienstag, 23. Mai 2017

Himmel und Hölle - 25 km beim Elm Super Trail

Meine 'Wettkampfplanung', wenn man sie so nennen kann, war bis vor zwei Wochen eigentlich komplett. Bei neun Läufen wollte ich starten, mit dem Halbmarathon in Hannover und dem Prinz-Albrecht-Run in Braunschweig waren auch schon zwei Rennen absolviert. Vor nun zwei Wochen konnte ich zum ersten Mal die 25 km beim langsamen Sonntagslauf knacken, und kam ins Grübeln. Bis zum nächsten Lauf Mitte Juni im Nachbarort waren es noch gut sechs Wochen, also massig Zeit im Kalender, um noch einen Lauf einzuschieben. Im Laufkalender von lauftreff.de stieß ich dann auf den Elm Super Trail mit einem Ultratraillauf über 72 km und über 1.100 Höhenmetern einmal um den Elm herum (Verrückte gibts!) und einer harmloseren 'Schnupper-Variante' über 25 km und 400 Höhenmetern. Schon beim ersten Lesen der Infos dachte ich: Machste! Angemeldet.

Im Gegensatz zu meinen ersten beiden halben Marathons war ich diesmal am Wettkampftag und auch tags zuvor sehr entspannt, obwohl die Strecke doch weiter war und dazu noch die Höhenmeter! Sei's drum: Ganz gemütlich ging es nach einem ausgiebigen Frühstück in Richtung Warberg. Der Start war für 11.30 Uhr angesetzt. Start, Ziel, Verpflegung usw. befanden sich im schicken Innenhof der imposanten Burg, die heute hauptsächlich Hotel ist. Bei sonnigem Wetter mit 20 °C und ein paar lockeren Wolken waren die Voraussetzungen bestens. Startnummer abholen, Umziehen - kann losgehen!

Knapp über 60 Starter hatten gemeldet, 64 um genau zu sein. Die Atmosphäre ist sehr entspannt und familiär, die Vorfreude auf den Lauf liegt in der Luft. Es wird zum Start zum Burgtor gerufen, noch ein paar Bilder geschossen und auflockernde Witze, dann der gemeinsame Countdown 10,9 ... 3, 2, 1 und auf gehts!

Wie es sich gehört, geht es gleich zu Beginn bergauf in Richtung Elm, die Straße hinauf, einmal links, über die Hauptstraße, einmal rechts und dann schon auf einem schmalen Pfad auf den Wald zu. Im Elm angekommen geht es auf geschotterten Waldwegen weiter. Erst am Freitag, also vor zwei Tagen hatte es ordentlich geregnet, die Strecke ist aber gut markiert. Weiße Pfeile am Boden weisen an jeder Kreuzung und Gabelung zuverlässig den Weg. Nach eineinhalb Kilometern sind schon die ersten 60 Höhenmeter geschafft, es geht zum ersten Mal bergab. Das Terrain wird abwechslungsreicher: mal Trail, mal Schotter. Ab Kilometer 3 fast durchgehend nur noch moderat bergauf bis zum ersten Verpflegungspunkt bei Kilometer 8,2. Ich fühle mich gut, bin happy, dass es so gut läuft, und versuche das Tempo ein wenig zu steigern. Das Teilnehmerfeld hat sich deutlich auseinandergezogen. So bin ich allein unterwegs und bleibe das auch bis zum Schluss. Ein Zeitziel hatte ich mir vorab nicht gesetzt, trödeln will ich aber auch nicht. Es gibt ein paar Schlucke Wasser am VP, weiter gehts.

Jetzt gehts zum ersten Mal richtig bergab, auf den folgenden zwei Kilometern mit bis zu 10 % Gefälle kann ich Tempo aufnehmen und lasse es einfach laufen. Langsam merke ich aber wie sich ein Zeh am rechten Fuß bemerkbar macht. Es fühlt sich an, als würde eine Sockennaht am Zehennagel reiben. Kann eigentlich nicht sein, die Socken sind nahtlos. Ärgerlich, ich komme ins Grübeln, die Kombination aus Schuhen (HOKA One One Clifton 3) und Socken bin ich auch schon gelaufen... Doof! Ich warte noch ein wenig, das Gefühl am Zeh lässt sich aber nicht wegignorieren. Also stoppe ich kurz, ziehe die Schuhe aus, richte die Socke, schüttele alles aus, pelle mich wieder an. Vergeblich: Das Gefühl bleibt, ich versuche mich damit zu arrangieren, bewege die Zehen im Schuh ab und zu. Es geht erstmal wieder bergauf, das mag der lädierte Zeh lieber als bergab. Es wird heftiger: Bei bis zu 12 % Steigung werde ich langsamer und langsamer, aber mit dem zweiten Verpflegungspunkt bei Kilometer 13,6 naht Hoffnung.

Ich bestelle zwei Bier (immerhin haben wir den höchsten Punkt der Strecke erreicht) bekomme aber nur Eistee und Wasser und ein Schmunzeln. Hm, na gut! So heftig wie es eben hoch ging, geht es jetzt wieder runter, was meinem Zeh gar nicht gefällt. Ich versuche trotzdem es wieder einfach laufen zu lassen, was so lala klappt. Ich denke zum ersten Mal ans Ende, noch 10 km.

Jetzt sind wir am südlichen Elmrand angelangt. Mein Blick schweift nach rechts: Die Sonne strahlt, die Luft ist klar und wir werden mit einem einmaligen Blick über die blühenden Rapsfelder bis hin zum Brocken belohnt. Schön aber leider zu schnell vorbei: Hinter der nächsten Kurve wartet schon der nächste Anstieg über fast zwei Kilometer, erst wieder heftig, dann nicht mehr ganz so. Pffft!

Carsten Heine - Elm Super Trail 2017
So sehen Anfänger aus: Selfiepause bei Kilometer 22.
Nun wieder runter: Über Trails und am Waldrand über Wiesen mit hohem Gras entlang. Das Geläuf ist nicht ganz einfach. Die Trails sind zum Teil matschig, wo Pfützen stehen richtig schlammig, Wurzeln, Steine. Ich versuche auf jeden Schritt zu achten, rutsche einmal aus, knicke einmal um. Nix passiert, weiter konzentrieren.

Dann auf einmal und etwas überraschend: Der letzte Verpflegungspunkt bei Kilometer 19,2. Ich habe Brand, trinke etwas mehr, schnappe mir ein paar Salzbrezeln. Aufmunternde Worte von ein paar Zuschauern: Nur noch 6 Kilometer! Schaffste! Gib Gas!

Gas geben? Guter Witz, ich bin platt! Nur wenige Hundert Meter weiter folgt der nächste (aber *gottseidank* letzte) Anstieg. Noch einmal quäle ich mich bergauf, verfluche alles, frage mich, wie ich auf diese Schnapsidee gekommen bin. Dann greife ich zur eisernen Notreserve und lutsche ein Energygel weg, das ich für den Fall der Fälle eingesteckt hatte. Schnell das klebrige Zeugs runterspülen und auf den letzten Metern noch mal alles raushauen!

Quer durch den Wald geht es jetzt nur noch bergab, Schlamm, Pfützen, lichter, junger Buchenwald, Äste im Gesicht. Auf dem letzten Stück zeigt sich die Strecke noch einmal von der schöneren Seite, die alle erst vor einigen Minuten ausgesprochenen Flüche schnell vergessen lässt. Ich werde nochmal schneller und schiele zur Garmin: 2 Stunden 30 hätten klappen können, hätte ich keine Schuhpause eingelegt, egal. Ich genieße den Rest der Strecke sehr. Warberg und die Burg kommen in Sicht. Runter gehts ins Dorf, in die Straße zur Burg einbiegen. Freundlicher Applaus am Burgtor und auf dem Innenhof im Ziel: Ich bin erschöpft, kann aber trotzdem wieder lächeln, bin erleichtert und habe einen Riesendurst. 02:30:47 Stunden werden als Zeit durchgegeben, womit ich sehr zufrieden bin. Nicht verletzt, die so oft zickigen Achillessehnen machten auch keinen Mucks und der schmerzende Zeh ist auch kaum lädiert.

Insgesamt war mein erster Trail-Wettkampf ein Riesenerlebnis und sportlich bis jetzt eines der härtesten Dinge für mich. Den Elm Super Trail kann ich zumindest in der 25k-Variante in jedem Fall wärmstens empfehlen. Vielleicht komme ich im nächsten Jahr wieder. Jetzt aber schauen wir mal, was das Läuferjahr noch so bereit hält: Don't worry - keep running!

Samstag, 8. Oktober 2016

Beim Harzgebirgslauf in Wernigerode

Schon seit Ende der 70er Jahre findet im beschaulichen und schönen Wernigerode der Harz-Gebirgslauf statt. In diesem Jahr nun schon in der 39. Ausgabe. Zu DDR-Zeiten war der Brocken als Sperrgebiet ein unerreichbares Ziel, seit der Wende (mit Unterbrechungen) führt die Marathonstrecke des Laufes über Norddeutschlands höchsten Gipfel. Ein Marathon liegt für mich noch in weiter Ferne, der Harzgebirgslauf hat aber neben dem Marathon noch mehr zu bieten: Halbmarathon, 11 km, 5 km, Nordic Walking und Wandern, auch einen Kinderlauf über 2 km gibt es. 'Norddeutschlands schönster Gebirgslauf' sollte es sein und regelmäßig an die 3.000 Besucher können nun auch nicht so falsch liegen.

Ich hatte mich schon im Sommer für die Strecke über 11 km entschieden und mich Ende August angemeldet. Auch wenn ich bei der Vorbereitung auf meinen ersten Halbmarathon Ende Oktober keinem konkreten Plan hinterherlaufe, passten für mich sowohl der Termin als auch die Distanz. Außerdem: Der Harz liegt quasi vor der Braunschweiger Haustür und seit unserem Urlaub in Österreich in diesem Jahr stand ein Berglauf ganz oben auf meiner Wunschliste.

Start des Laufs über 5 km
Heute war es dann also soweit: Die Wetteraussichten waren bestens (7° C mit Nieselregen sagte die Prognose) und nach nur einer Stunde Fahrt und einer halbe Stunde Fußmarsch (ich parke gerne am anderen Ende der Stadt) erreichte ich das Start-Ziel-Gebiet an der so genannten Himmelspforte. In Wernigerode ist die Pforte zum Himmel eine große, bei Regen ordentlich durchgeweichte Wiese. :) Aber man merkte sofort: die machen das nicht zum ersten Mal. Von der Ausgabe der Startunterlagen über die Garderobe, die Verpflegung, die Moderation und das Warm-Up (vor Ort sagt man Erwärmung) ist wirklich alles top organisiert. Einziger Wermutstropfen: ich konnte meine Gutscheine für die großartige Erbsensuppe und das isotonische Hasseröder nicht im Umschlag finden. Die hatten sich in einem Werbeflyer gut versteckt, wie ich leider zu spät zuhause feststellen musste. Naja egal.

Umziehen, nochmal schnell für kleine Pinguine und zurück in den Startbereich, wo sich langsam aber sicher die Starter für die 5 km fertig machen. Die Moderatoren bringen alle gut in Stimmung und pünktlich gehts los. Noch 15 Minuten bis zum Start: mal langsam warmmachen, ein paar hundert Meter den Waldweg hoch, dehnen (ja ich dehne) und wieder runter. Hauptsache locker bleiben.

Ziele für diesen Lauf hatte ich mir vorab nicht gesetzt oder doch eines: Gesund wieder ankommen und sich vor dem HM auf keinen Fall verletzen. Heute sollte es also 'nur' Spaß machen. Respekt hatte ich vorher vor den Anstiegen und vor allem aber vor dem Bergablaufen.

Bei der Erwärmung vor dem Start
Noch zwei Minuten bis zum Start: Langsam am Start einreihen, die Nike-App anschmeißen, Musik läuft (ich laufe nie ohne), der Countdown kommt ... 3, 2, 1 - und los gehts. Geduldig schiebt sich die Meute durch das Starttor über die Wiese auf den Waldweg die Himmelspforte hinauf. Ich habe mich relativ weit hinten einsortiert, lasse es sehr locker angehen, schließlich soll es die ersten 6 km nur bergan gehen. Das Tempo auf dem ersten Kilometer ist sehr gemütlich: 6:29 meint die Nike-Frau in meinem Kopfhörer. Ich fange an zu überholen, nicht ganz einfach: die Wege sind nicht die breitesten und am Rand gehts steil bergab.

Kilometer 2: Ich habe mich tempotechnisch einsortiert und die langsamsten hinter mir gelassen. Die Steigung ist noch moderat und angenehm zu laufen, ich bin etwas überrascht, habe Zeit um mal nach links und rechts zu schauen. Die Wolken hängen tief und Nebelschwaden ziehen durch die Baumwipfel, trotzdem super Aussicht: Gänsehaut zum ersten Mal, Runners High bei Kilometer 2 (reimt sich sogar). 

Kilometer 3: Die Steigung wird eklig. Die meisten gehen, ich kann noch, laufe langsam weiter, kann überholen. Tolles Gefühl, ich hoffe das rächt sich nicht zwei Kurven weiter.

Kilometer 3,7: Schluss mit lustig! Die Steigung wird heftiger, jetzt reicht es mir auch. Ich gehe. Durchschnaufen. 

Kilometer 5: Nicht mehr ganz so steil, laufen geht längst wieder. Immer wieder der Blick nach links und rechts, einfach schön! Würde ja für ein paar Fotos stehenbleiben, traue mich dann aber doch nicht.

Kilometer 6: Kurz vor der ersten Verpflegungsstation (die hatten sogar Schmalzstullen) noch ein ekliger Anstieg, aber der letzte heftige. Die zweite diesmal viel kürzere Gehpause. Ich schnappe mir Wasser und warmen Tee, stürze beides runter. Weiter gehts.

Das gröbste ist geschafft: ab jetzt gehts (fast durchgehend) bergab. Mein Respekt ist sehr groß: die Wege sind matschig und seifig, teilweise steinig mit grobem Schotter und das bergab. Wie zu Anfang bergan, taste ich mich auch bergab erst langsam ran, bremse ab, werde von einigen überholt. 

Kilometer 7: Ich groove mich langsam ein, das Tempo steigt. Es macht richtig Spaß, läuft wie von selbst. Ich versuche auf meine Technik zu achten. Bergan zwickte das rechte Sprunggelenk etwas, jetzt ist alles wie weggeblasen. Kurz hatten sich die Getränke mit Seitenstechen bemerkbar gemacht. Kurz flacher atmen, Luft anhalten, entspannen, es geht wieder.

Kilometer 8: Das Tempo steigt weiter, die Pace liegt teilweise bei 4:15. Für mich ein Affenzahn. Vor mir eine größere Lücke. Kann ich aufschließen?

Ins Ziel geschwebt
Kilometer 9,5: Es geht in einen schmaleren Waldweg, die Bäume stehen sehr dicht, es wird richtig dunkel. Der Untergrund bleibt schwierig, das Tempo aber ebenso hoch. Konzentration, bloß nicht umknicken. Die Lücke konnte ich noch schließen, zu einigen Läufern vor mir aufschließen. Die ersten Zuschauer tauchen auf. 

Kilometer 10: Es geht über eine offene Wiese. Wieder Zuschauer, die klatschen und anfeuern. Ich werde noch etwas schneller. In der Ferne hört man schon den Lautsprecher beim Zieleinlauf quaken.

Ich freue mich nach innen :)
Zieleinlauf: Nach der Wiese hatte ich kurz Tempo rausgenommen, kann aber auf dem letzten Kilometer nochmal anziehen. Die Pace liegt bei 3:42 (wann bin ich zum letzten Mal so schnell gewesen?), scheinbar fliegt alles an mir vorbei. Es ist geschafft! Ich bin geschafft aber super glücklich. 

Belohnung
Erstmal Tee und Schmalzstulle inhalieren und Erbsensuppe organisieren. Das Hasseröder muss leider ausfallen, muss ja noch fahren. Schnell unter die Dusche, die nassen Klamotten kühlen doch schnell aus.

Meine Zeit hat mich zunächst gar nicht interessiert, erst bei der Getränkeausgabe fiel mir ein, dass die Nike-App noch lief. Am Ende wurden es 01:05:11, was für den 275. Platz insgesamt und den 25. in meiner AK reichte. Aber das war ja sowieso zweitrangig. Riesenspaß hat es gemacht, ich bin gesund im Ziel = alle Ziele erreicht!

Mein Fazit: Wernigerode steht auch im nächsten Jahr bei mir fest im Kalender. Ein sehr schöner Lauf, sehr gut organisiert und insgesamt einfach toll. Daumen hoch!